Das Geheimnis des Flüsterwaldes und die Magie der unsichtbaren Tinte!
Wenn Laura rannte, sah es aus, als würde ein kleines Freudenfeuer durch die Straßen tanzen. Sie hatte eine wilde Mähne ausleuchtend roten Haaren, die ihr bis weit über die Schultern fiel. An windigen Tagen schienen die Locken ein Eigenleben zu führen, genau wie Lauras Gedanken. Für sie war die Welt niemals nur das, was man auf den ersten Blick sah. Ein gewöhnlicher Gartenschlauch, der vergessen im Gras lag? Eine schlummernde Riesenschlange, an der man sich nur auf Zehenspitzen vorbeischleichen durfte. Eine dunkle Regenwolke am Himmel? Ein fliegender Drache, der tief einatmete, bevor er Wasser spuckte.
Laura war neun Jahre alt und besaß die größte Superkraft, die ein Kind haben konnte: eine grenzenlose Fantasie. Wo andere Kinder eine graue Mauer sahen, sah Laura das unüberwindbare Tor zu einer verlassenen Ritterburg. Wo Erwachsene über Unkraut im Vorgarten seufzten, entdeckte Laura einen dichten Dschungel, in dem winzige, unsichtbare Feen ihre Häuser aus Löwenzahnblättern bauten.
Magie im Klassenzimmer
Es war ein sonniger Dienstagmorgen, und Laura saß in der vierten Klasse der Grundschule am Sonnenhügel. Der Mathematikunterricht bei Herrn Lehmann zog sich wie Kaugummi. Auf der Tafel standen endlose Reihen von Divisionsaufgaben, die für Laura aussahen wie kleine, eckige Käfer, die in Reih und Glied marschierten. Doch obwohl Mathe nicht ihr Lieblingsfach war, herrschte in der Klasse derzeit eine knisternde Aufregung. Der Grund dafür lag in Lauras Federmäppchen.
Auf dem Schulhof und in den Klassenräumen gab es im Moment nur ein einziges Thema: den McNeill Ghost Pen Radierbar. Dieser Stift war der absolute Renner, ein Must-have für jedes Kind. Es war nicht einfach nur ein Gelschreiber; für Laura war es ein echter Zauberstab. Die Tinte floss sanft und leuchtend über das Papier, doch das eigentliche Wunder passierte am hinteren Ende des Stiftes. Wenn man sich verschrieb – oder, in Lauras Fall, wenn man während des Unterrichts kleine Einhörner an den Rand des Mathebuchs kritzelte und Herr Lehmann plötzlich durch die Reihen ging –, konnte man das Geschriebene mit der kleinen Gummikappe einfach wegreiben. Die Reibungswärme ließ die Tinte wie von Geisterhand verschwinden. Keine Schmierereien, keine durchgestrichenen Fehler. Nur reines, weißes Papier.
Laura hielt ihren Ghost Pen mit dem coolen Dinosaurier-Motiv fest in der Hand. Sie malte gerade einen winzigen Pterodaktylus neben die Aufgabe 4b. Als sich der Schatten des Lehrers über ihren Tisch legte, drehte sie den Stift blitzschnell um, radierte hektisch über das Papier und – schwupps – der Flugsaurier war in der unsichtbaren Welt verschwunden. Herr Lehmann nickte nur anerkennend über ihr sauberes Heft und ging weiter. Laura grinste in sich hinein. Magie war eben überall, man brauchte nur das richtige Werkzeug.




